Wenn die Mutter plötzlich eine andere ist – Demenz, Persönlichkeitswechsel und ein Blick unter die Oberfläche
Eine Klientin sucht Hilfe für ihre demente Mutter, die schlafwandelt und zwischen Persönlichkeiten wechselt.
Was eine Rückführungstherapie dabei zeigen kann – als Ergänzung zur ärztlichen Behandlung.
Hallo, ich bin Roland Schroll
Psychologe M.Sc. & Heilpraktiker für Psychotherapie
- Ich arbeite seit +10 Jahren mit bereits +2000 KlientInnen
- Unterrichte am Tasso Instituut Amsterdam Innere Kindarbeit und Reinkarnationstherapie
- Bin Gründer des SHS-Institus für Rückführungstherapie in Hagen NRW
In diesem Artikel erfährst du:
Sie kam eigentlich gar nicht wegen ihrer Mutter zu mir.
Sie kam wegen ihres Sohnes. Irgendetwas störte ihn, das sich nicht so ganz erklären ließ. Wir haben eine Stellvertretersitzung gemacht, eine Surrogatsitzung. Dabei zeigt sich im geistigen Raum der Mutter erstaunlich schnell, ob das Kind Hilfe will und welche Art von Hilfe. In diesem Fall reichte eine Sitzung. Nicht immer, aber hier schon.
Und dann dachte sie wahrscheinlich: Wenn das für meinen Sohn so gut wirkt – vielleicht kann das auch meiner Mutter helfen.
Wie eine Hundertjährige
Ihre Mutter ist um die 77. Nicht allzu alt. Und trotzdem beschreibt meine Klientin sie als sehr gebrechlich, mit beschwerlichem Gang. Ihr ganzes Auftreten wirkt wie das einer Hundertjährigen.
Es gibt eine Demenzdiagnose. Die Ärzte sehen da etwas, und das steht außer Frage.
Aber da war noch mehr. Die Mutter begann nachts zu schlafwandeln. Sie lief durch die Räume wie eine Marionette an Fäden. Sie redete Dinge, die nicht ihre waren – so hätte sie nie gesprochen. Manchmal klang sie wie ein kleines Kind, manchmal wie eine pubertierende Jugendliche. Sie benutzte Schimpfwörter, die sie sonst nie in den Mund genommen hätte. Und immer wieder dieser eine Satz: „Da ist ein Baby, das müssen wir aufheben.“ Fragte man nach, welches Baby, kam nur: „Ah, nee, nichts. Ich habe da nichts gesagt.“
Die Erklärungen der Ärzte und Psychiater waren gut, aber sie erklärten ihr nicht alles. Sie hatte das Gefühl, da steckt mehr dahinter.
Versprechen kann man in so einem Fall nichts. Das wäre gegen jede Ethik, und kein Heiler und kein Arzt sollte je etwas versprechen. Aber wir können versuchen, etwas zu verstehen. Und vielleicht auch etwas zu verändern.
Die erste Sitzung: Wer ist da im Haus?
Wir haben uns zuerst auf das Schlafwandeln konzentriert. In einer Aura-Exploration schaute meine Klientin stellvertretend darauf, was nachts mit ihrer Mutter passiert. Sie nahm wahr, dass etwas zuerst im Raum war und ab einem bestimmten Moment in die Mutter eintrat.
Als wir genauer hinschauten, zeigte sich eine Person. Ein Mann, der sich fragte, was diese ältere Frau in seinem Haus zu suchen hat. Es war der Vorbesitzer. Er hatte dort mit seiner Mutter gelebt, es irgendwann nicht mehr ausgehalten und sich erhängt.
Das klingt nach Gruselfilm, ist es aber nicht. Wir haben ihm klargemacht, dass viel Zeit vergangen ist, dass er keinen Körper mehr hat und dass längst jemand anderes in diesem Haus wohnt. Wir haben ihn vom Galgen geschnitten. Wir haben ihm gesagt: Es ist vorbei, und es ist Zeit für dich, dorthin zu gehen, wo du Frieden finden kannst. Und was er sich von der Mutter genommen hatte, sollte er ihr zurückgeben. Jeder bekommt das Seine zurück, und wir verabschieden uns im Frieden.
Warum ausgerechnet sie? Menschen, deren Schutzhülle – ihre Ich-Grenze – nicht mehr ganz intakt ist, sind offener für solche Anhaftungen. Das gilt für Kinder, für Menschen mit Süchten und eben auch für Menschen mit einer Erkrankung wie Demenz.
Und dann ging es um die Frage: Wo hat diese Abgrenzung überhaupt ihre Brüche bekommen? Wir stießen auf die Kindheit der Mutter in einem Internat. Auf einen wichtigen Mann dort, der die Mädchen mitnahm, angeblich zum Unterrichten. Eines nach dem anderen. Auch sie.
Zwischen den Sitzungen
Drei, vier Wochen später erzählte mir die Klientin: Die Mutter schlafwandelt nicht mehr.
In der ersten Woche waren die Symptome zwar noch einmal schlimmer geworden – mehr Ausbrüche, mehr Aggression. Das kommt vor, wenn sich etwas löst. Dann beruhigte es sich. Die körperliche Schwäche und die Wechsel zwischen den Persönlichkeiten aber waren noch da.
Die zweite Sitzung: das Baby mit der Nabelschnur
Die Klientin entschied sich, zuerst auf den Körper zu schauen. In der Aura-Exploration sah sie ein Leuchten im Herzen der Mutter, das sich nicht ausbreiten konnte. Es war am Hals abgeschnitten und am Bauchnabel.
Natürlich klingelt da sofort die Glocke: Das muss der Mann aus dem Internat sein. Aber genau hier muss man als Therapeut aufpassen, wir interpretieren nicht. Ich lasse die Klientin Schritt für Schritt entscheiden. Wir begannen beim Hals.
Der erste Eindruck war: dunkel, einfach nur dunkel.
Viele Klientinnen denken in diesem Moment, es funktioniert nicht und sie sehen nichts. Aber dunkle Orte gibt es viele. Wir blieben beim Körpergefühl. Was drückt da am Hals? Eine Schnur. Die Nabelschnur.
Das Baby ist sechs, sieben Monate alt und merkt, dass es sich nicht mehr richtig bewegen kann. Wenn es sich bewegt, zieht es sich zu, und es kommen Angst und Panik. Also beschließt es: Ich bewege mich nicht, ich bin still, dann halte ich es aus.
Solche Beschlüsse innerer Kinder haben Wirkung. Wir nennen das ein Postulat, einen Glaubenssatz, der nachwirkt bis ins heutige Leben. Mich nicht zu bewegen. Man denke an den Gang einer Hundertjährigen.
Die Geburt war schwer, mit Sauerstoffmangel, und das Baby kam blau zur Welt. Wir halfen ihm: Die Klientin durfte sich vorstellen, mit transparenten Händen hineinzugreifen und die Schlinge vom Hals zu nehmen. Das Baby blühte auf, das Blut schoss überall hin. Es durfte sich in den restlichen Wochen im Bauch bewegen und ausprobieren. Und als es auf die Welt kam, schrie es, und alle freuten sich.
Die 14-Jährige und die Bergwiese
Am Bauchnabel führte der Weg zurück zu dem Moment, in dem der Lehrer sie mit aufs Zimmer nahm. Sie war 14. Diese Szene hatten wir schon einmal bearbeitet, damals hatte die Klientin das Mädchen herausgeholt. Jetzt war es Zeit, dass sich das Mädchen selbst befreit.
Und sie hatte jetzt die Kraft des Babys. Das kann man sich vorstellen wie bei Matroschka-Puppen: Wenn der innerste Kern stark wird, geht die Energie von Puppe zu Puppe nach außen. Die 14-Jährige schrie. Der Lehrer erschrak und warf sie raus: „Erzähl es bloß keinem, es wird dir eh keiner glauben.“
Wir holten alle dazu und ließen sie sehen, was geschehen war. Sie war nicht das einzige Mädchen gewesen. Jetzt konnte sie sich nicht nur verteidigen, sie konnte auch sagen, was geschehen war.
Noch eine Frage war offen: Wie hat sie das damals überstanden? Sie hat sich weggeträumt, auf die Almwiese in den Bergen, wo sie aufgewachsen ist. Drei, vier Jahre alt, Blümchen pflücken, Käfer beobachten. Dort fühlte sie sich sicher. Jetzt, wo die 14-Jährige frei war, konnten wir dieses innere Kind einladen, zurückzukommen. Mit ihr kamen die Freude und das Vertrauen ins Leben zurück, ein sehr wertvoller Teil der Mutter.
Was die Tochter daraus mitnimmt
Meine Klientin hat mir danach geschrieben. Sie beschreibt, was sie nach einem Jahr Leid glaubt: dass Menschen, vor allem Kinder, sich bei Traumata aus dem Körper an einen sicheren Ort flüchten können, dass sich dabei Teile abspalten und dass man diese Teile verdrängen kann, solange man die Kraft dazu hat. Wenn die Kraft im Alter nachlässt, kommen sie als Flashbacks und unkontrollierbare Wechsel zurück. Wer gerade in einem anderen Anteil steckt, weiß danach nicht mehr, was er gesagt hat. Die Angehörigen werden nicht erkannt, weil der Anteil, der gerade da ist, sie damals noch nicht kannte.
Man muss kein Therapeut sein, um das zu verstehen. Und ich kann mir gut vorstellen, dass es Angehörige beruhigt.
Kein Ersatz, sondern ein Zusatz
Eines ist mir wichtig: Diese Arbeit ist kein Ersatz für Demenzmedikamente und keine Alternative zur ärztlichen Behandlung. Die Zusammenarbeit mit Ärzten und Psychiatern ist immer wichtig. Aber es kann ein hilfreicher Zusatz sein, die Dinge aus diesem Blickwinkel zu betrachten und vielleicht sogar über diesen Zugang zu arbeiten.
Die ganze Geschichte erzähle ich in der Folge „Demenz und Persönlichkeitswechsel: Was steckt dahinter? Eine Rückführung für die Mutter“ meines Podcasts Heilung in der Tiefe.
