Karmische Schuld und Täter-Past-Lives: Warum dunkle frühere Leben ein Schlüssel zur Heilung sein können
Was, wenn du in früheren Leben nicht nur Opfer warst – sondern auch Täter?
Karmische Schuld muss nicht bedeuten, dass wir für vergangene Fehler endlos büßen müssen.
Vielleicht geht es vielmehr darum, alte Muster zu verstehen, Verantwortung zu übernehmen und selbstauferlegte Schuld endlich loszulassen.
Hallo, ich bin Roland Schroll
Psychologe M.Sc. & Heilpraktiker für Psychotherapie
- Ich arbeite seit +10 Jahren mit bereits +2000 KlientInnen
- Unterrichte am Tasso Instituut Amsterdam Innere Kindarbeit und Reinkarnationstherapie
- Bin Gründer des SHS-Institus für Rückführungstherapie in Hagen NRW
In diesem Artikel erfährst du:
Wenn wir anfangen, uns mit früheren Leben zu beschäftigen, schauen wir meistens zuerst auf die Geschichten, in denen uns etwas passiert ist. Wir erleben vielleicht ein Leben, in dem wir verlassen, ausgegrenzt oder verfolgt wurden, oder wir landen gar nicht in einem früheren Leben, sondern in unserer Kindheit und merken, wie sehr bestimmte Erfahrungen von damals bis heute in uns weiterwirken.
Das ist gut nachvollziehbar, denn als Kind waren wir abhängig von den Menschen um uns herum. Wir konnten nicht einfach sagen: „Das gefällt mir hier nicht, ich gehe jetzt“, sondern mussten mit der Stimmung in unserer Familie, mit Ängsten, Druck, Streit, Kälte oder Überforderung irgendwie zurechtkommen. Und auch in früheren Leben begegnen uns häufig zuerst genau solche Erfahrungen, in denen wir uns als Opfer der Umstände erleben.
Irgendwann kann sich jedoch etwas verändern. Vielleicht hat man schon mehrere Sitzungen gemacht, innere Kinder besucht, alte Verletzungen angeschaut und verschiedene frühere Leben erlebt, und dann taucht plötzlich eine neue Frage auf: War ich eigentlich immer nur das Opfer?
Vielleicht nicht.
Vielleicht gab es auch Leben, in denen wir selbst diejenigen waren, die anderen wehgetan haben. Vielleicht waren wir nicht immer die Verfolgten, sondern manchmal diejenigen, die verfolgt haben, und genau an diesem Punkt beginnt eine Form von Schattenarbeit, die deutlich unbequemer ist, aber auch sehr befreiend sein kann.
Was, wenn ich in einem früheren Leben selbst Täter war?
Die Vorstellung gefällt den wenigsten Menschen. Es ist wesentlich angenehmer, ein früheres Leben zu entdecken, in dem man ungerecht behandelt wurde, als eines, in dem man selbst ungerecht, brutal oder rücksichtslos gehandelt hat. Die Frage „Was wurde mir angetan?“ lässt sich leichter stellen als die Frage „Was habe ich anderen angetan?“.
Wenn wir jedoch davon ausgehen, dass eine Seele viele Erfahrungen und viele Leben durchläuft, wäre es eigentlich erstaunlich, wenn wir dabei immer nur auf einer Seite gestanden hätten. Die Geschichte der Menschheit ist voller Kriege, Machtkämpfe, Verrat, Gewalt und Unterdrückung, und wenn wir tatsächlich viele Leben erlebt haben, dann liegt der Gedanke nahe, dass wir unterschiedliche Rollen kennengelernt haben.
Vielleicht waren wir in einem Leben Opfer und in einem anderen Täter. Vielleicht haben wir sogar innerhalb eines einzigen Lebens beide Seiten erlebt, wurden verletzt und haben später selbst verletzt, wurden gedemütigt und haben irgendwann begonnen, andere kleinzumachen.
Genau deshalb kann es irgendwann heilsam sein, die reine Opferperspektive für einen Moment zu verlassen. Nicht weil die verletzte Seite keine Aufmerksamkeit mehr braucht, sondern weil irgendwann die Frage auftauchen kann: Was steckt noch hinter all dem?
Warum uns dunkle frühere Leben so viel Angst machen
Viele Menschen sagen ganz offen, dass sie so etwas lieber gar nicht sehen möchten. Sie können sich vorstellen, einem traurigen oder verletzten früheren Selbst zu begegnen, aber die Vorstellung, sich selbst als grausamen, betrügerischen oder vielleicht sogar gewalttätigen Menschen zu erleben, löst Widerstand aus.
Das ist verständlich. Schnell taucht die Angst auf: „Wenn ich sehe, dass ich früher etwas Schreckliches getan habe, kann ich mir das vielleicht nie verzeihen.“ Doch genau an diesem Punkt beginnt für mich die eigentliche Arbeit, denn ich würde niemals bei der Feststellung stehen bleiben, dass jemand in einem früheren Leben „schlecht“ gewesen sei.
Mich interessiert vielmehr, wie dieser Mensch überhaupt so geworden ist. Was ist vorher passiert, welche Erfahrung hat ihn verändert, wo ist etwas gekippt und aus welchem Schmerz, welcher Angst oder welcher Demütigung ist irgendwann diese Härte entstanden?
Wenn wir tief genug schauen, finden wir häufig eine Geschichte davor. Vielleicht wurde ein Mensch selbst verletzt, vielleicht musste er früh lernen, hart zu werden, vielleicht glaubte er irgendwann, nur durch Macht, Kontrolle oder Gewalt sicher sein zu können. Aus Schutz kann dann Kontrolle werden, aus Kontrolle Macht und aus Macht schließlich Missbrauch.
Das macht die Handlung nicht gut. Aber es macht sie verständlicher, und Verstehen ist etwas anderes als Entschuldigen.
Täter und Opfer liegen manchmal näher zusammen, als wir denken
Wir teilen die Welt gerne klar auf: hier der Täter, dort das Opfer, hier der Gute und dort der Böse. Diese Einteilung hilft uns, Dinge zu verstehen, aber innerlich ist es oft komplizierter, denn Menschen tragen ihre Erfahrungen weiter und reagieren später aus ihnen heraus.
Jemand, der gedemütigt wurde, kann irgendwann selbst beginnen, andere zu demütigen. Jemand, der sich völlig hilflos gefühlt hat, kann später den starken Wunsch entwickeln, nie wieder machtlos zu sein, und dabei immer kontrollierender werden. Das bedeutet natürlich nicht, dass jedes Opfer automatisch zum Täter wird, aber es zeigt, dass beide Seiten manchmal enger miteinander verbunden sind, als wir wahrhaben möchten.
Deshalb reicht es bei manchen Themen irgendwann nicht mehr, ausschließlich den verletzten Anteil anzuschauen. Vielleicht müssen wir auch dem Teil begegnen, der hart geworden ist, der zurückgeschlagen hat, der Macht bekommen und möglicherweise sogar begonnen hat, diese Macht zu genießen.
In einer Rückführung kann genau dort viel Energie gebunden sein. Wenn wir verstehen, wie wir in einen solchen Zustand hineingeraten sind, wird oft auch klarer, wie wir ihn wieder verlassen können.
Muss ich heute für etwas büßen, das ich früher getan habe?
Beim Thema frühere Leben taucht sehr schnell der Begriff Karma auf. Viele Menschen stellen sich darunter eine Art kosmisches Strafsystem vor: Ich habe etwas Schlechtes getan, also muss mir später auch etwas Schlechtes passieren; ich habe jemanden verletzt, also werde ich irgendwann selbst verletzt.
Diese Vorstellung kann schnell sehr belastend werden. Wenn heute vieles im Leben schwierig ist, kann der Gedanke entstehen: „Ich muss das wohl verdient haben, vermutlich habe ich in einem früheren Leben etwas Schreckliches getan.“ Aus dem Wunsch nach Verantwortung entsteht dann eine neue Form von Schuld, und die kann einen genauso festhalten wie eine Opferrolle.
Ich halte es deshalb für wichtig, Karma nicht nur als Strafe zu verstehen. Es kann ebenso gut sein, dass ein Teil dieser Belastung aus einem inneren Entschluss stammt, den wir irgendwann selbst gefasst haben.
Vielleicht entstand einmal ein Gedanke wie: „Nach dem, was ich getan habe, darf ich nicht glücklich sein.“ Vielleicht hieß es innerlich: „Ich muss dafür bezahlen“, oder „Ich habe Liebe nicht verdient.“ Wenn solche Überzeugungen tief genug sitzen, kann es sein, dass sie sich immer weiter fortsetzen, obwohl niemand von außen verlangt, dass wir noch immer leiden.
Dann verändert sich die entscheidende Frage. Es geht nicht mehr darum, wie lange wir noch büßen müssen, sondern darum, warum wir selbst glauben, dass diese Buße weiterhin notwendig ist.
Selbstauferlegtes Karma: Wenn wir uns selbst nicht mehr freigeben
Die Vorstellung von selbstauferlegtem Karma kann zunächst ungewohnt sein, aber sie verändert vieles. Statt eines Gottes oder einer höheren Instanz, die von außen sagt, wie viele Leben wir für eine Handlung bezahlen müssen, liegt ein Teil der Verantwortung bei uns selbst.
Vielleicht halten wir eine alte Schuld weiter fest, weil wir glauben, dass wir nur dadurch beweisen können, ein besserer Mensch geworden zu sein. Vielleicht haben wir uns selbst verurteilt und dieses Urteil nie wieder aufgehoben.
Genau hier kann eine Rückführung sehr befreiend werden. Wenn wir erkennen, was damals passiert ist, warum wir so gehandelt haben und was wir daraus gelernt haben, kann irgendwann auch der Satz entstehen: Es ist verstanden. Ich muss es nicht mehr wiederholen.
Das bedeutet nicht, Verantwortung abzuschütteln. Im Gegenteil: Verantwortung heißt, hinzusehen, anzuerkennen, was geschehen ist, die Folgen zu verstehen und heute eine andere Entscheidung zu treffen.
Schuld dagegen kann dazu führen, dass wir uns immer weiter bestrafen, ohne dass daraus noch etwas Neues entsteht. Und genau da lohnt es sich zu fragen, ob diese alte Bestrafung wirklich noch notwendig ist.
Die Perle im Dreck finden
Ich benutze für solche Arbeiten gerne das Bild einer Perle, die irgendwo im dunkelsten, klebrigsten Dreck liegt. Die Geschichte selbst kann unangenehm, beschämend oder sogar erschreckend sein, aber irgendwo darin steckt meistens eine Erkenntnis, die gefunden werden will.
Vielleicht geht es darum zu verstehen, wie Macht wirkt. Vielleicht geht es darum zu erkennen, was geschieht, wenn wir uns zu stark an Hass, Gewalt oder Kontrolle binden. Vielleicht mussten wir eine Erfahrung sehr weit treiben, bevor wir wirklich verstanden haben, wohin sie führt.
Wenn diese Erkenntnis gefunden ist, verändert sich etwas. Dann muss die gesamte dunkle Geschichte nicht mehr endlos mitgetragen werden, sondern wir können beginnen, das, was wir verstanden haben, mitzunehmen und den Rest loszulassen.
Genau deshalb muss ein Täter-Past-Life nicht automatisch etwas Bedrohliches sein. Es kann sogar eine der befreiendsten Erfahrungen sein, weil wir plötzlich merken, dass hinter einem alten Schuldgefühl eine konkrete Geschichte steckt und dass diese Geschichte einen Anfang und damit auch ein Ende hat.
Warum Dunkelheit manchmal so „klebrig“ wird
In der Folge beschreibe ich Dunkelheit als etwas Klebriges. Damit meine ich, dass bestimmte Erfahrungen anziehend werden können, wenn wir anfangen, Gefallen daran zu finden und uns immer stärker mit ihnen zu verbinden.
Ein Krieger kann zum Beispiel im Kampf handeln, weil er seinem Anführer folgt, seine Gemeinschaft schützt oder einer Aufgabe nachkommt. Das lässt sich nicht einfach mit „gut“ oder „schlecht“ bewerten, weil der Zusammenhang eine wichtige Rolle spielt.
Etwas verändert sich jedoch, wenn der Mensch beginnt, Lust am Töten zu entwickeln. Ähnlich kann Macht einen Reiz bekommen, Betrug kann Spaß machen oder es kann Genugtuung entstehen, wenn wir beobachten, wie ein anderer Mensch scheitert.
An diesem Punkt geht es nicht mehr nur um eine Erfahrung, sondern um eine Bindung daran. Wir beginnen, etwas festzuhalten, weil es uns ein bestimmtes Gefühl gibt, und genau daraus können sich Muster entwickeln.
In der therapeutischen Arbeit ist dann die Frage wichtig, wann diese Bindung begonnen hat und was sie ursprünglich erfüllt hat. Wenn wir das verstehen, können wir oft auch erkennen, warum wir sie heute nicht mehr brauchen.
Vom Mörder zum Heiligen: Veränderung kann sehr schnell gehen
Viele spirituelle Traditionen kennen Geschichten von Menschen, die sehr weit ins Dunkle gegangen sind und sich später radikal verändert haben. Im Christentum kennen wir das Bild vom Saulus zum Paulus, und auch buddhistische Überlieferungen erzählen von gewalttätigen Menschen, die durch eine entscheidende Begegnung plötzlich einen völlig neuen Weg einschlagen.
Das Faszinierende an solchen Geschichten ist nicht, dass ihre Vergangenheit verschwindet. Entscheidend ist vielmehr, dass ein Mensch in einem Moment etwas erkennt, was er vorher nicht sehen konnte, und von da an anders lebt.
Deshalb sollten wir mit endgültigen Urteilen vorsichtig sein. Ein Mensch kann uns heute grob, brutal, egoistisch oder vollkommen verloren vorkommen und trotzdem morgen eine Erfahrung machen, die sein Leben verändert.
Dasselbe gilt für uns selbst. Wenn wir in einer Rückführung einem sehr dunklen früheren Selbst begegnen, müssen wir nicht glauben, dass wir für immer dieser Mensch sind; viel wichtiger ist die Frage, was wir heute verstehen, was damals noch nicht verstanden wurde.
Warum Vertrauen bei Täter-Past-Lives so wichtig ist
Nicht jeder Mensch sollte in seiner ersten Sitzung sofort versuchen, das dunkelste frühere Leben zu finden. Oft führt der Weg zunächst durch andere Themen, zum Beispiel durch die Kindheit, durch Verlust, Angst, Trauer oder andere Erfahrungen, die erst einmal näher liegen.
Mit der Zeit kann jedoch der Punkt kommen, an dem man bereit ist, tiefer zu gehen. Gerade in einer Ausbildung ist das interessant, weil irgendwann so viele verschiedene Past Lives erlebt wurden, dass die Frage fast von selbst auftaucht: „Kann es wirklich sein, dass ich immer nur Opfer war?“
Für diese Arbeit braucht es Vertrauen. Im Einzelsetting bedeutet das Vertrauen in den Therapeuten und in den Prozess, in einer Gruppe zusätzlich das Vertrauen darauf, dass niemand verurteilt wird, wenn eine unangenehme oder dunkle Geschichte auftaucht.
Genau deshalb kommen solche Themen oft erst später. Wenn dieses Vertrauen entstanden ist, kann die Arbeit jedoch sehr kraftvoll werden, weil wir Seiten von uns anschauen dürfen, die wir sonst lieber verstecken würden.
Karmische Heilung heißt nicht, ewig zu leiden
Vielleicht ist das hilfreichste Bild beim Thema Karma nicht das eines Gerichtssaals, sondern eher das einer Schule. Wir machen Erfahrungen, handeln, erleben die Folgen unserer Entscheidungen und bekommen dadurch die Möglichkeit zu lernen.
Manchmal verstehen wir etwas schnell, manchmal brauchen wir länger. Vielleicht machen wir sogar ähnliche Erfahrungen immer wieder, bis wir irgendwann merken, was eigentlich dahintersteckt.
Aus dieser Perspektive geht es bei Karma nicht darum, für immer zu bezahlen. Es geht darum, zu verstehen.
Vielleicht haben wir einmal erfahren müssen, wie Macht funktioniert. Vielleicht mussten wir erleben, wie leicht Macht missbraucht werden kann und welche Folgen daraus entstehen. Und vielleicht kommt irgendwann der Punkt, an dem wir sagen können: Jetzt habe ich verstanden, ich brauche diese Erfahrung nicht mehr.
Dann darf etwas enden.
Fazit: Warum sich der Blick auf das eigene Dunkel lohnen kann
Die Vorstellung eines Täter-Past-Lives kann Angst machen, weil sie unser Bild von uns selbst infrage stellt. Wir möchten gerne glauben, dass wir immer auf der richtigen Seite standen, und gerade deshalb kann es herausfordernd sein, eine Geschichte zu sehen, in der das vielleicht nicht der Fall war.
Doch Schattenarbeit bedeutet nicht, das Dunkle gutzuheißen. Sie bedeutet, bereit zu sein, es anzuschauen, zu verstehen, wie es entstanden ist und herauszufinden, ob wir heute noch an etwas festhalten, das längst vorbei sein könnte.
Vielleicht entdecken wir dabei eine alte Schuld, die wir uns selbst auferlegt haben. Vielleicht erkennen wir, dass wir uns über viele Jahre oder sogar über mehrere Leben weiter bestrafen, obwohl die eigentliche Lektion längst verstanden ist.
Dann kann genau dort etwas sehr Befreiendes entstehen. Wir sehen die Geschichte, übernehmen Verantwortung, finden die Erkenntnis darin und erlauben uns schließlich, weiterzugehen.
Manchmal beginnt Heilung beim verletzten Kind, manchmal beim Opfer. Und manchmal wartet hinter all diesen Schichten noch ein anderer Anteil auf uns: der Täter, den wir nicht entschuldigen müssen, aber verstehen dürfen.
Denn möglicherweise liegt gerade in der dunkelsten Geschichte jene Erkenntnis verborgen, die wir brauchen, um einen alten karmischen Kreislauf endlich zu verlassen.
